Zeitraffer

TimelapseVor meiner kleinen Sommerpause hatte ich euch bereits die Seite von Timescapes vorgestellt, auf der fantastische Zeitraffer zu sehen sind. Videos, von Sternenhimmeln und Wüstenlandschaften, in atemberaubender Klarheit und Schärfe. Videos, so gut, dass es schon fast surreal wirkt. Videos, die nicht mit einer Videokamera sondern mit einem normalen Foto gemacht wurden. Und zwar Bild für Bild. Frame für Frame.

Selten hat mich ein Portfolio so beeindruckt. Nachdem ich die Videos immer und immer wieder angesehen habe und im Forum viele Tipps und Tricks erhielt, ließ ich alles stehen und liegen und fuhr in die Stadt klickte auf Amazon.de und bestellte mir eine Zeitsteuerung (TC-80N3) für meine EOS.

Am nächsten Tag kam das Päckchen und ich legte sofort los: das Spielen mit Timelaps-Videos (so heißen Zeitraffer auf Englisch) macht extrem viel Spaß. Und zwingt einen dazu, viele gewohnte Dinge der Fotografie auf ganz neue Weise zu betrachten.

Am Anfang fehlt einem noch etwas das Gefühl für das richtige Intervall, die tatsächliche Anzahl an Bildern sowie den optimalen Einstellungen. Darum habe ich erstmal vom sicheren Wohnzimmer aus durch das Fenster den Wolkenhimmel fotografiert und dabei konzentriert aufgepasst (ok, ich habe mir eine DVD angesehen).  So nach und nach merkte ich, dass sich die Welt um uns herum schneller ändert als man glauben möchte.

Hier also die Zusammenfassung für alle, die selbst einmal ein Zeitraffervideo machen wollen.

Equipment

tc-80n3

TC-80N3

Man braucht nicht viel, um selbst Zeitraffer zu erstellen. Jeder Fotograf sollte die meisten “Zutaten” bereits besitzen.

  • Eine Kamera (Überraschung),
  • ein Stativ, das die Kamera über Stunden ruhig und sicher hält
  • eine Möglichkeit, die Kamera in Intervallen auszulösen,
  • eine große, leere Speicherkarte,
  • viel Zeit und
  • eine Software, die aus Einzelbildern Videos erstellen kann

Einige Kameras, insbesondere Consumer- und Bridekameras, haben den Timer bereits eingebaut. Bei anderen Kameras wie z.B. meiner 40D ist ein externer Timer erforderlich. Eine Alternative ist es, die Kamera per Software und USB Kabel vom Laptop aus auszulösen.

Ein Thema finden

Wie bei jedem Foto- bzw. Videoprojekt muss man sich ein paar Gedanken machen, was man umsetzen will. Mit etwas Kreativität kann man sich ausmalen, was als Zeitraffer gut aussieht würde. Wer dennoch einen Denkanstoß braucht: Die Natur (Pflanzen, Sonnenauf- und untergänge), die Stadt (belebte Straßen) oder die Pizza, die im Ofen braun wird (Projekt rechtzeitig beenden!), bieten spannendes Potential.

Alles, was sich binnen ein paar Stunden oder Tagen verändert ist ideal für einen Zeitraffer. Inspiriert von Timescapes habe ich mich auf den Sternenhimmel, Wolken und den Sonnenaufgang gestürzt. Der Phantasie aber sind keine Grenzen gesetzt.

Shooting planen

Bis hierher konnten wir unserer Kreativität freien Lauf lassen, doch jetzt benötigen wird harte Fakten der Mathematik. Wir müssen berechnen, wie viele Einzelbilder für das Video nötig sein werden.

Kurzer Exkurs: Ein Video besteht aus einer bestimmten Anzahl an Bildern pro Sekunde, den sog. Frames. Üblicherweise sind es 24, 25 oder 30 Bilder pro Sekunde.

Damit lässt sich die Anzahl der Einzelbilder berechnen:

Einzelbilder = Frames-per-Second x Dauer-des-finalen-Videos-in-Sekunden

Idealerweise nimmt man für jedes Einzelbild ein Foto. Wenn das Video etwas ruckartiger laufen darf, reichen auch halb so viele Bilder; in diesem Fall bleibt jedes Bild zwei Frames sichtbar.  Soll das finale Timelapse-Video bei 30 fps eine Minute dauern benötigen wir bereits 1.800 Bilder (eintausendachthundert). Nicht gerade wenig.

Damit hätten wir die Anzahl der Bilder ermittelt, die wir aufnehmen müssen. Jetzt müssen wir noch das Intervall errechnen, also die Zeit zwischen zwei Aufnahmen. Die Formel lautet:

Intervall = Gesamtdauer-des-Ereignisses-in-Sekunden / Einzelbilder

Ein Sonnenaufgang mit Dämmerung dauert bis zu eineinhalb Stunden, eine Pizza im Ofen nur etwa 30 Minuten.  Nach der obigen Formel und bei einer finalen Videolänge von einer Minute ergibt das für den Sonnenaufgang ein Intervall von 3 Sekunden (5400 Sekunden / 1800 Bilder). Unsere Pizza hat ein Intervall von genau einer Sekunde (1800 Sekunden / 1800 Bilder).

Sunrise

Die richtige Einstellung

Bevor wir nun endlich mit dem Fotografieren anfangen, müssen wir uns noch ein paar Gedanken über die Einstellungen an der Kamera machen. Hier heißt es “aufgepasst”, denn falsche Einstellungen machen sich meist erst am Ende des Projekts bemerkbar, also Stunden oder Tage später.

  • Format Rein technisch ist sowohl RAW als auch JPEG möglich. Gegen RAW spricht aber, dass die Dateien viel Platz benötigen und mit meist über 10 Megapixel weit über der Auflösung von Full-HD (2 Megapixel bei 1920×1080) liegen. Die Einstellungsmöglichkeiten für JPEG sind oft vielfältiger, so dass bei kleinerer Abmessung und stärkerer Komprimierung deutlich mehr Bilder auf die Speicherkarte passen.
    Meine EOS kennt neben RAW und JPEG ein weiteres Format: sRAW. Dabei fasst die Kamera vier Pixel auf dem Chip zu einem Pixel im sRAW-File zusammen. Die Abmessung liegt damit immer noch über dem eines Full HD Frames, die Datei benötigt aber nur noch die Hälfte an Speicher gegenüber dem klassischen RAW.
  • Weißabgleich Der automatische Weißabgleich ist eine feine Sache für klassische Fotos. Für das Zeitraffervideo müssen wir jedoch sicherstellen, dass die Kamera nicht bei jedem Einzelbild die Farben anders interpretiert, sonst kommt es zu unschönen Farbschwankungen. Gerade wenn sich die Lichtstimmung ändert (Sonnenaufgang!) ist es kontraproduktiv, dass die Kamera pro Bild den Weißpunkt neu berechnet. Daher sollte die Einstellunge manuell gesteuert werden.
    Wer im JPEG-Format arbeitet, sollte unbedingt den automatischen Weißabgleich ausschalten und einen möglichst passenden wählen, da hier die Änderungen später nur noch schwer möglich sind. Dazu einfach einen Weißabgleich explizit wählen (Bewölkt, Sonne etc) oder auf manuellen Weißabgleich mit Graukarte umstellen.
  • Autofocus Mit dem Autofocus verhält es sich ähnlich wie mit dem Weißabgleich. Da die Kamera normalerweise bei jedem Auslösen die Schärfe neu einstellt, besteht die Gefahr, dass auf unterschiedlichen Einzelbildern der Focus an verschiedenen Stellen liegt. Ich fokussiere daher einmal und stelle anschließend auf manuell um. Somit bleibt die Schärfe in meinen Bildern konstant.
  • Manueller Modus Jetzt sollte es nicht mehr überraschen, dass auch Belichtungszeit und Blende manuell eingestellt werden müssen. Das ist nötig, damit alle Einzelbilder gleich belichtet werden. Hierbei muss man aber beachten, dass sich die Lichtsituation während der Dauer des Shootings zum Teil stark ändern kann. Um das zu kompensieren braucht man etwas Gefühl für die Belichtung.
    Für meinen Sonnenaufgang habe ich die Einstellungen so gewählt, dass das erste Einzelbild zwei Stops unterbelichtet ist. Im Laufe des Sonnenaufgangs ist die Landschaft durch die Sonne immer heller geworden, so dass die Frames mit den selben Einstellungen so langsam richtig belichtet waren und dann irgendwann zwei Stops überbelichtet waren. Bei einem Sonnenuntergang würde ich daher bei der Einstellung für den ersten Frame 2 Stops überbelichten, so dass ich auch noch genügend Details im Bild habe, wenn die Szene langsam dunkler wird.

Jetzt heißt es endlich: und Action! Während die Aufnamen gemacht werden, sollte die Kamera unbedingt absolut ruhig stehen, sonst kommt es später zu einem wackeligen Video.

Sind alle Aufnahmen im Kasten geht es in die Postproduction.

Nachbearbeitung

Ich habe die Bilder anschließen in Lightroom importiert und nocheinmal etwas nachbearbeitet (Kontrast, Schärfe, Sättigung). Hier erspart einem “Synchronize Settings” seeeeeeehr viel Arbeit :). Auch hier gilt: alle Einstellungen sollte identisch für alle Bilder gemacht werden.
Anschließend habe ich die Bilder in der gewünschten Abmessung und Auflösung als JPG exportiert und mittels Quicktime 7 Pro als Bildsequenz zusammengefügt. Leider kennt Quicktime X von Snow Leopard diese Option nicht mehr… :(

Nun konnte ich das Quicktime Video im beliebigem Format exportieren.

Und fertig ist das erste Full-HD Zeitraffervideo!